Zurück zum Blog

4:47 Uhr. Mein Kopf ist schon wach.

Hochsensibel und ständig erschöpft? Was im Kopf einer HSP wirklich passiert. Gedankenkarussell, Reizüberflutung und wie du lernst, dich selbst zu verstehen. Ein ehrlicher Tag aus dem Leben einer feinfühligen Mama.

4:47 Uhr

Irgendwas hat mich geweckt. Vielleicht die Blase, vielleicht ein Gedanke, vielleicht so ein Gefühl. Kennt ihr das? Dieses Wachwerden, wo der Körper noch liegt, aber der Kopf schon steht?

Ich drehe mich um. Neben mir schläft mein Mann, auf der anderen Seite der Kleine. Der Hund atmet tief am Fußende. Alles ist still. Und für diesen einen Moment ist es einfach schön. Dieses Gefühl, wenn die Welt noch schläft und du einfach da bist. Zwischen warm und weich und leise.

Ich bleibe kurz liegen und genieße das. Bewusst. Weil ich weiß, was gleich kommt.

4:51 Uhr

Da sind sie. Die Bibliothekare.

Stellt euch eine riesige Bibliothek vor. Hunderte Regale, tausende Bücher. Und in dieser Bibliothek arbeiten Bibliothekare. Viele. Sehr, sehr viele. Jeder einzelne ist felsenfest überzeugt, dass sein Buch gerade das allerwichtigste ist.

Der eine schreit: Friseurtermin! Der nächste wedelt: Umsatzsteuervoranmeldung! Einer hat einen Zettel: Du wolltest doch noch die Kita-Sache klären! Und ganz hinten, hinter dem Regal mit den verstaubten Erinnerungen, steht einer und flüstert: Weißt du noch, was Tante Inge letztes Weihnachten gesagt hat? Das hat sich komisch angefühlt, oder?

Danke, Tante-Inge-Bibliothekar. Danke dafür.

Das Ding ist: Die priorisieren das alles gleich. Friseur gleich Steuererklärung gleich Tante Inge. Alles dringend, alles jetzt, alles gleichzeitig.

Vier Minuten wach. Und im Kopf ist schon Rushhour.

5:03 Uhr

Leute, könnt ihr wenigstens warten, bis ich Kaffee hatte?

Können sie natürlich nicht.

Der Hund guckt mich an mit diesem Blick. Ihr wisst, welcher. Der, wo du weißt: Entweder wir gehen jetzt raus, oder das Wohnzimmer hat nachher ein Problem.

Also aufstehen. Raus in die Dunkelheit. Frische Luft, Sterne, der Hund ist glücklich. Und mein Kopf? Der macht weiter Inventur. Zwischen Hundehaufen aufheben und Sternenhimmel angucken rattert die To-Do-Liste durch. Ach, und zwischendurch kommt noch eine Erinnerung an ein Gespräch von vor drei Wochen hoch, die sich irgendwie unfertig anfühlt.

Sechzehn Minuten wach. Gefühlt ein halber Arbeitstag.

5:34 Uhr

Zurück in der Küche. Kaffeemaschine an. Kurz durchatmen.

Und dann: Mama! Hunger! Der Kleine ist wach. Früher als sonst, weil natürlich.

Ich stehe da, schmiere Brötchen, schenke Kakao ein und merke: Ich bin schon müde. Seit 47 Minuten läuft der Kopf auf Hochtouren. Ich habe gefühlt schon einen ganzen Arbeitstag hinter mir. Aber von außen? Von außen habe ich nur den Hund rausgelassen und Brötchen aufgeschnitten.

Und hier ist der Punkt, an dem ich früher gedacht hätte: Was stimmt mit mir nicht? Alle anderen kriegen das doch hin. Die stehen auf, machen Frühstück, fertig. Warum fühlt sich das bei mir an wie ein Triathlon?

Heute denke ich: So, das ist jetzt gerade. Und das ist okay. Nächste Sekunde kann schon wieder ganz anders sein. Das ist das Schöne daran. Jeder Moment ist neu. Klingt vielleicht abgedroschen, aber wenn du es wirklich lebst, verändert das alles.

9:12 Uhr

Bei der Arbeit. Fokus. Richtig drin. Läuft.

Und dann, aus dem Hinterstübchen, ganz ungefragt: Was hat die Kollegin eigentlich damals damit gemeint? Warum hat die so geguckt? Das war doch komisch, oder?

Hey, danke fürs Erinnern. Reden wir später drüber.

Funktioniert. So ungefähr drei Minuten. Dann steht der Gedanke wieder da. Und du bist raus aus dem Fokus. Darfst wieder rein. Und manchmal bist du so oft raus und rein, dass du am Ende denkst: Habe ich das jetzt schon gemacht? Oder habe ich nur daran gedacht, es zu machen?

Fun Fact: Ich weiß es manchmal wirklich nicht mehr.

Der Bauch liest mit

Die Bibliothek ist ja nur die eine Sache. Die Gedanken, die To-Dos, die Erinnerungen. Aber da ist noch was anderes. Der Bauch.

Ihr kennt das vielleicht: Du gehst irgendwo rein, in einen Raum, einen Laden, eine Familienfeier. Und plötzlich fühlst du was. Schwere. Oder Anspannung. Oder Traurigkeit. Und du denkst: Moment, was ist denn jetzt los? Mir ging es doch gerade noch gut?

Das Spannende ist: Das Gefühl gehört dir oft gar nicht. Du empfängst es. Von der gestressten Kassiererin, vom genervten Typen in der Schlange, von der Kollegin, die heute irgendwie still ist. Dein Bauch liest die Stimmung im Raum, bevor dein Kopf überhaupt checkt, was passiert.

Und wenn du das nicht weißt, denkst du, es ist deins. Dann sitzt du abends auf der Couch und grübelst: Warum war ich heute so traurig? Dabei warst du das vielleicht gar nicht. Du hast nur die Traurigkeit von jemand anderem mit nach Hause getragen.

Das zu unterscheiden, das eigene vom fremden, das war für mich einer der größten Aha-Momente. Und es ist bis heute eine Übung. Immer wieder kurz innehalten und fragen: Ist das meins? Oder habe ich das gerade aufgesammelt?

12:30 Uhr. Einkaufen.

Mittagspause. Schnell einkaufen. Einkaufsliste ist geschrieben, Plan steht. Eigentlich ganz easy.

Ich gehe rein und spüre sofort: Hier ist was los. Hektik, Geräusche, Neonlicht, die Frau an der Käsetheke ist genervt, das Kind drei Gänge weiter schreit. Alles kommt rein. Gleichzeitig. Kopf und Bauch auf Empfang.

Also schalte ich in den Missionsmodus. Rein, Zeug holen, raus. Wie so ein kleiner Feldzug. Und irgendwie bin ich dann auch stolz, wenn ich es geschafft habe. So ein inneres High Five für einen ganz normalen Einkauf. Ich muss da immer ein bisschen über mich selbst lachen.

12:51 Uhr. Im Auto.

Die Butter. Natürlich. Die Butter.

Nochmal rein? Pff. Kommt drauf an. Manchmal ja, manchmal ist die Butter dann halt einfach weg. Gibt Schlimmeres.

Das Leben ist ein Spiel. Manchmal gewinnst du die Butter, manchmal halt nicht.

Die Sprüche

Was mich früher richtig getroffen hat: Leg dir mal ein dickeres Fell zu. Du musst dich einfach besser konzentrieren. Stell dich mal nicht so an. Andere schaffen das doch auch. Reiß dich zusammen.

Und ich dachte tatsächlich lange, die haben recht. Ich muss mich einfach mehr anstrengen. Mehr disziplinieren. Dann klappt das schon.

Spoiler: Hat es nicht.

Weil der Punkt ist: Andere haben auch eine Bibliothek im Kopf. Aber da arbeitet vielleicht ein Bibliothekar. Zwei, wenn es hochkommt. Bei mir sind es gefühlt dreihundert. Und die machen alle gleichzeitig Inventur. Während im Bauch noch die Gefühle von drei anderen Menschen sortiert werden.

Da hilft kein dickeres Fell. Da hilft, sich selbst zu verstehen.

Was mir hilft

Ich habe mit der Zeit ein paar Sachen gelernt, die für mich funktionieren. Wundermittel gibt es keins, aber ein paar Dinge, die den Unterschied machen:

Das Hier und Jetzt. Klingt so einfach, ist es am Anfang auch nicht. Aber wenn die Bibliothekare losschreien, hilft es, kurz innezuhalten. Was ist gerade? Genau jetzt? Was eine Sekunde später ist, kann schon wieder ganz anders sein. Jeder Moment ist ein neuer Anfang. Das übe ich jeden Tag und es wird leichter.

Fragen, ob es meins ist. Dieses kurze Check-in mit dem Bauch: Ist das mein Gefühl oder habe ich das gerade aufgesammelt? Allein die Frage bringt schon Abstand.

Humor. Ernsthaft. Über sich selbst lachen können, wenn du zum dritten Mal den Einkaufszettel vergessen hast oder um 5 Uhr morgens gedanklich schon die Steuererklärung machst. Das Leben ist ein Spiel. Manchmal ein verrücktes, aber ein Spiel. Und Spielen darf auch Spaß machen.

Drüber reden. Mit jemandem, der es kennt. Der nickt statt komisch zu gucken. Das verändert mehr als jeder Ratgeber.

Und was mich jeden Tag trägt: Jeder Schritt, den ich mache, ist Erfolg oder Wachstum. Handle ich richtig, feier ich. Handle ich falsch, wachse ich.

22:14 Uhr

Der Kleine schläft. Der Hund schläft. Mein Mann schläft.

Und ich liege da und die Bibliothekare machen langsam Feierabend. Einer nach dem anderen stellt sein Buch zurück. Es wird leiser. Stiller.

Und dann ist da wieder dieser Moment. Wie heute Morgen um 4:47 Uhr. Nur andersrum. Alles ist weich und warm und gut.

Wenn du das hier liest und denkst: Ja, genau so. Dann weißt du jetzt: Du bist damit nicht allein. Dein Kopf macht nur ein bisschen mehr als bei anderen. Dein Bauch auch.

Und wenn du Lust hast, darüber zu reden, mit jemandem, der genau weiß, wie sich das anfühlt, dann melde dich bei mir. Im Gruppenraum oder für dich allein. Ganz wie es sich für dich richtig anfühlt.

Deine Jennyfer

Fragst du dich, ob du hochsensibel bist?

Ein paar Fragen, die dir helfen, dich selbst besser zu verstehen.

Zum Selbsttest