Warum ich „Du bist hochsensibel" so selten wie möglich sage. Über Etiketten und das, was darunter ist.
Über Hochsensibilität, HSP, ADHS und Neurodivergenz. Warum ich diese Wörter nicht als Stempel auf Menschen lege. Eine Einladung, mehr zu sein als sein Etikett.
Magst du erstmal rausfinden, ob du selbst hochsensibel bist? Zum HSP-Test
Kennst du das?
Du machst einen Test im Internet. Vielleicht den HSP-Test, vielleicht ein ADHS-Screening, vielleicht einen Neurodivergenz-Fragebogen. Du klickst dich durch. Am Ende kommt ein Ergebnis.
„Du bist hochsensibel."
Oder: „Du zeigst Anzeichen von ADHS."
Oder: „Sehr wahrscheinlich neurodivergent."
Und auf einmal hat dein ganzes Leben einen Namen. Plötzlich macht alles Sinn, was sich vorher immer komisch angefühlt hat. Du hast eine Schublade gefunden, in die du passt. Erleichterung. Endlich.
Aber irgendwann, manchmal nach Tagen, manchmal nach Jahren, kommt ein anderes Gefühl. Eines, das du noch nicht ganz beschreiben kannst.
Du bist plötzlich nicht mehr du. Du bist „die Hochsensible". „Die mit ADHS." „Die Neurodivergente."
Das Etikett ist plötzlich vor dir. Und du bist dahinter.
Bevor wir weitergehen
Ich bin Sensi-Begleiterin und begleite feinfühlige Menschen in dem, was ihnen oft schwer fällt: sich zu spüren, sich abzugrenzen, sich selbst zu lieben.
Was du gleich liest, ist meine Sicht der Dinge. Nicht die einzig richtige, nicht aus einem Lehrbuch. Es kommt aus meiner Arbeit, aus dem, was Menschen mir erzählen, und aus dem, was ich selbst in mir kenne.
Wenn du dich hier wiederfindest und mit jemandem darüber reden möchtest, der nicht komisch guckt sondern nickt, dann schau gern im Gruppenraum oder im Einzelgespräch vorbei. Du musst nicht warten, bis du am Ende des Beitrags angekommen bist.
Was diese Wörter können
Hochsensibilität. Highly Sensitive Person, kurz HSP. ADHS, AD(H)S. Neurodivergent oder neurodivers. Autismus, autistisch. Hyperaktiv. Hyperempfindlich. Feinfühlig.
Diese Begriffe können etwas Wichtiges. Sie können das erste Mal im Leben einen Rahmen geben, wenn man sich sonst nie verstanden gefühlt hat. Sie können eine Sprache schenken für etwas, das vorher namenlos war. Ein „Aha. Deshalb."
Wenn du dein ganzes Leben gedacht hast, mit dir stimmt etwas nicht, weil du anders reagierst als andere, und dann liest du Elaine Aron oder eine Studie zur Neurodivergenz und denkst: Es gibt mich. Ich bin nicht allein. Dann ist das ein wertvoller Moment.
Diese Wörter können Erleichterung sein. Verbindung. Ein Weg zur Selbst-Annahme.
Das ist alles real und ich nehme es ernst.
Was sie auch sein können
Aber Wörter, die uns retten, können uns auch festhalten.
„Ich bin hochsensibel" wird schnell zu: Ich kann nicht zur Familienfeier, weil ich hochsensibel bin. Punkt. Ende der Diskussion.
„Ich habe ADHS" wird schnell zu: Ich kann sowieso nicht durchhalten, weil ich ADHS habe.
„Ich bin neurodivergent" wird schnell zu: Ich muss es nicht versuchen, weil ich neurodivergent bin.
Verstehst du den Unterschied? Anfangs erklären diese Wörter etwas. Dann ersetzen sie etwas.
Sie ersetzen die Frage „Was brauche ich heute?" mit der Antwort „Ich bin halt so."
Sie ersetzen das Spüren mit der Diagnose.
Sie ersetzen den Menschen mit dem Etikett.
Eine Situation ist erst mal nur eine Situation
Es gibt einen Gedanken, der mich begleitet. Eine Situation ist erst mal nur eine Situation. Ein Fakt. Erst wir Menschen geben ihr eine Bewertung. Ein Gefühl. Ein Etikett.
Das Gleiche gilt für eine Eigenschaft. Hochsensibilität ist erst mal nur eine Eigenschaft. Ein Stück Information darüber, wie dein Nervensystem arbeitet. Was sie sonst noch sein soll, das tun wir hinzu. Ein Problem. Eine Stärke. Eine Identität. Alles Bewertungen, die wir oben drauflegen.
Wenn dir das bewusst wird, hast du plötzlich eine Wahl. Du kannst die Eigenschaft annehmen als das, was sie ist. Du kannst entscheiden, wie viel Bewertung du ihr gibst. Du musst sie nicht zu deinem Namen machen.
Die Situation ist die Situation. Du bist die, die ihr Bedeutung gibt.
Wer du wirklich bist
Hier ist die Sache, die ich nicht vergessen kann.
Du bist nicht hochsensibel.
Du bist ein Mensch, der unter anderem feinfühlig wahrnimmt. Ein Mensch, der vielleicht ein paar Sinne schärfer erlebt als die meisten. Ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, mit Wünschen, mit Wunden, mit Stärken.
Hochsensibilität ist eine Eigenschaft, die du mitträgst. So wie deine Augenfarbe. So wie deine Stimme. So wie deine Vorliebe für Salz oder Süß. Sie ist nicht dein Name.
Genauso ist niemand „ADHS". Niemand „ist" autistisch. Niemand „ist" neurodivergent. Diese Wörter beschreiben etwas an einem Menschen. Sie sind nicht der Mensch.
Warum mir das wichtig ist
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Frauen sich mit „Ich bin hochsensibel" vorstellen.
Sofort. Im ersten Satz. Bevor ich sie überhaupt kennenlernen kann.
Und ich frage mich jedes Mal: Wer ist denn du? Du hinter dem Etikett?
Was magst du? Was nimmst du wahr, wenn du morgens aufwachst? Was bringt dich zum Lachen? Wonach greifst du, wenn du müde bist? Was wolltest du als Kind werden, bevor du gelernt hast, vernünftig zu werden?
Es geht nicht darum, das Wort zu verbieten. Es geht darum, dass du mehr bist als ein Wort.
Was passiert, wenn man sich darin ausruht
Das größte Risiko an diesen Etiketten ist, dass man sich auf ihnen ausruhen kann.
„Ich bin hochsensibel, deshalb gehe ich nicht zur Familienfeier."
„Ich habe ADHS, deshalb fange ich erst gar nicht an."
„Ich bin neurodivergent, deshalb klappt es mit Beziehungen nicht."
Manche dieser Aussagen sind richtig und wichtig. Manchmal musst du dich aus etwas rausnehmen, weil du sonst kaputt gehst. Das ist Selbstschutz, und der ist heilig.
Aber manchmal ist es auch eine Ausrede. Eine bequeme Wand, hinter die wir uns verziehen, damit wir nicht spüren müssen, was wirklich los ist.
Wachstum passiert nicht hinter dem Etikett. Es passiert davor.
Wie ich versuche, darüber zu reden
Ich versuche, das Wort „hochsensibel" so wenig wie möglich zu verwenden. Stattdessen sage ich lieber „feinfühlig", oder ich beschreibe einfach, was ein Mensch wahrnimmt und braucht.
Statt „Du bist hochsensibel" sage ich: „Du nimmst viel wahr." Oder: „Bei dir geht das tiefer." Oder: „Dein Nervensystem braucht andere Bedingungen."
Ich sage nicht: „Sie ist eine HSP."
Ich sage: „Sie ist Anna. Sie ist Mutter, sie liebt das Meer, und sie spürt feiner als die meisten."
Diese Sprache ist ein bisschen umständlicher. Aber sie hält den Menschen sichtbar.
Was du davon mitnehmen kannst
Du brauchst keine Diagnose, um dich ernst zu nehmen.
Du darfst feinfühlig sein, ohne dass das dein ganzer Name wird. Du darfst eine Geschichte mit Hochsensibilität haben, ohne darin zu wohnen. Du darfst ADHS-Symptome erleben, ohne dass das deine Identität wird.
Du bist ein Mensch. Du bist du. Alles andere sind Worte, die helfen können oder festhalten können. Wähle sie bewusst.
Und wenn du den HSP-Test auf meiner Seite machst, behandle das Ergebnis bitte als einen Hinweis. Nicht als ein Urteil über dich.
Wenn du das hier liest und nickst
Dann hast du dich vielleicht selbst mal hinter einem solchen Wort verloren. Das ist okay. Das passiert vielen.
Es geht nicht darum, die Begriffe wegzuwerfen. Sie haben ihren Platz, und sie haben dir vielleicht geholfen, dich zu finden.
Aber jetzt darfst du wieder mehr werden als sie.
Du bist nicht falsch, nur weil du anders bist. Du brauchst kein Etikett, um dich ernst zu nehmen. Und du brauchst keine Diagnose, um zu leben. Auf deine ganz eigene Weise.
Es darf weich werden. Auch in dir.
Deine Jennyfer
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