Was sich änderte, als ich aufhörte, dagegen anzukämpfen
Seit ich drei bin, lebe ich mit Inkontinenz. Fast dreißig Jahre habe ich versucht, sie loszuwerden. Warum das Annehmen mehr verändert hat als jedes Mittel, und warum eine Diagnose eine Stufe sein darf statt ein Sessel.
Magst du erstmal rausfinden, ob du selbst hochsensibel bist? Zum kostenlosen HSP-Test
Mit KI erstelltIch betrete einen Raum und weiß innerhalb von Sekunden, wo die Toilette ist.
Das ist kein Kunststück, das mache ich seit über dreißig Jahren. Im Café, im Baumarkt, bei einer Feier, an dem Parkplatz, an dem wir kurz halten. Bevor ich weiß, wer sonst noch da ist, weiß ich, wo die Tür ist und wie weit es bis dorthin wäre. Wenn ich es nicht weiß, sitzt etwas in mir, das nicht ruhig wird.
Vielleicht kennst du das mit einem ganz anderen Thema. Vielleicht ist bei dir der Rücken, der jederzeit dicht machen kann. Vielleicht die Migräne, die kommt, wann sie will. Vielleicht ein Kopf, der nicht so arbeitet, wie er soll, und du planst deinen Tag drumherum, ohne dass es jemand sieht. Vielleicht bist du auch einfach jemand, der viel spürt und deshalb vorher weiß, welche Räume anstrengend werden.
Wenn du dich hier wiederfindest, bist du richtig.
Kurz zu mir, bevor es weitergeht
Ich bin Sensi-Begleiterin und begleite feinfühlige Frauen bei dem, was ihnen schwerfällt. Was ich nicht bin: Ärztin, Therapeutin, Heilpraktikerin. Ich gebe dir hier keinen medizinischen Rat und sage dir auch nicht, was du tun sollst.
Was ich habe, ist meine eigene Geschichte und das, was Frauen mir nebenbei erzählen. Es ist keine Wissenschaft. Es sind Beobachtungen. Vielleicht erkennst du dich, vielleicht nicht. Beides ist gut.
Falls dich der Text jetzt schon berührt und du mit jemandem reden möchtest, der nickt statt komisch zu gucken: im Gruppenraum oder im Einzelgespräch ist Platz dafür. Du musst nicht warten, bis du am Ende angekommen bist.
Mein Thema heißt Inkontinenz
Ich schreibe das Wort hin, weil es in meinem Leben ja auch da ist, auch wenn es kaum jemand ausspricht.
Ich war als kleines Kind schon trocken, und mit drei Jahren war ich es nicht mehr. Seitdem ist es geblieben. Nicht nur das Kleine, auch das Große. Es gibt Tage, da merke ich fast nichts davon, und es gibt Tage, da bestimmt es alles.
Ein Ausflug ist bei mir nie nur ein Ausflug. Es ist eine Strecke mit Zwischenstationen. Wie lange fahren wir. Wo halten wir. Wie voll wird es da. Trinke ich lieber weniger, obwohl ich Durst habe. Und wenn es dann doch passiert, während ich irgendwo stehe und versuche, es zu halten, läuft in meinem Kopf sofort ein Film mit: Die Leute gucken. Die riechen das. Die lachen gleich.
Meistens gucken sie gar nicht. Der Film läuft trotzdem.
Das ist der Teil, den man von außen nicht sieht. Nicht der Körper, der etwas nicht kann. Sondern der Kopf, der die ganze Zeit nebenher rechnet und Bilder malt, die niemand sonst sieht. Der Körper macht, was er macht. Der Kopf macht daraus Scham.
Ich habe fast dreißig Jahre lang dagegen gekämpft
Ich habe alles versucht, was mir untergekommen ist. Übungen, Mittel, Ernährung umstellen, Beckenboden, Ärzte, Meinungen, Foren nachts um halb eins. Immer mit derselben Frage im Hintergrund: Wie kriege ich das weg.
Und weil ich es nicht wegbekommen habe, hatte ich neben dem Thema selbst noch ein zweites: das Gefühl, zu versagen. Ich hatte ja alles richtig gemacht. Ich hatte mir Mühe gegeben. Wenn es trotzdem blieb, dann lag es wohl an mir.
So funktioniert Kämpfen. Es macht aus einer Sache zwei. Du hast das, was du hast, und dazu die Anstrengung, es loszuwerden, und die Enttäuschung, wenn es wieder nicht geklappt hat. Das kostet Kraft, jeden einzelnen Tag, und du merkst es nicht mal, weil du es gewohnt bist.
Was ich damals nicht gesehen habe: Solange meine ganze Aufmerksamkeit darauf lag, es wegzumachen, war kein Platz für die Frage, wie ich damit gut leben könnte. Ich habe gegen etwas gearbeitet, statt mit mir.
Was passiert ist, als ich aufgehört habe
Ich kann dir keinen Tag nennen, an dem es umgeschlagen wäre. Es war eher ein Nachlassen. Irgendwann war ich müde vom Suchen, und in diese Müdigkeit hinein kam ein Gedanke, der sich zuerst wie Aufgeben anfühlte: Vielleicht bleibt das jetzt einfach.
Und dann, ein paar Wochen später, fühlte er sich nicht mehr wie Aufgeben an, sondern wie Hinsetzen.
Es ist jetzt ein Teil von mir. Nicht der schönste, aber einer, der dazugehört. Ich plane immer noch, wo die Toilette ist. Ich packe immer noch Sachen ein. Nur mache ich das inzwischen so, wie andere ihren Schlüssel einstecken, und nicht mehr als Beweis dafür, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Der Unterschied ist nicht der Körper. Der Unterschied ist, dass ich mich nicht mehr nebenbei dafür verurteile.
Annehmen ist nicht dasselbe wie sich draufsetzen
Das ist mir wichtig, weil ich das oft verwechselt sehe.
Annehmen heißt nicht, dass du aufhörst, dich zu kümmern. Ich gehe weiter zu Terminen, ich achte auf mich, ich probiere Sachen aus. Der Unterschied ist, aus welcher Haltung heraus. Früher habe ich etwas ausprobiert, weil ich mich reparieren wollte. Heute probiere ich es, weil es mir das Leben leichter machen könnte. Das klingt nach einer Kleinigkeit, und es ist der ganze Unterschied.
Und annehmen heißt auch nicht, dass ein Wort zur Adresse wird. Ich sehe das bei vielen Themen, nicht nur bei meinem. Jemand bekommt endlich einen Namen für das, was schon immer da war, und das ist erstmal eine Erleichterung. Ich bin also nicht verrückt, es hat einen Namen. Nur bleiben manche dann dort stehen, und aus dem Namen wird eine Erklärung für alles, was nicht geht.
Ich verstehe das gut, weil es sich sicher anfühlt. Ein Name nimmt Schuld weg. Aber er nimmt auch Bewegung weg, wenn man sich dahinter stellt.
Für mich ist so ein Wort eher eine Stufe als ein Sessel. Du stellst dich drauf und schaust von da aus, was du siehst. Ah, deshalb bin ich abends so leer. Deshalb war der Termin so anstrengend. Und von dort aus entscheidest du, was du damit machst.
Du darfst entscheiden
Das ist überhaupt der Punkt, an dem sich für mich am meisten verändert hat.
Ich habe lange gedacht, es passiert mir alles einfach. Der Körper macht, die Umstände machen, die anderen machen. In Wahrheit entscheide ich ständig. Ob ich losfahre oder zu Hause bleibe. Ob ich es jemandem sage oder nicht. Ob ich heute weniger trinke, um sicherer zu sein, oder normal trinke und das Risiko nehme.
Jede dieser Entscheidungen hat Folgen, und manche sind unangenehm. Das ist kein Argument gegen das Entscheiden. Es ist nur ehrlich. Wenn du nichts entscheidest, ändert sich auch nichts, und die Folgen hast du trotzdem, nur ohne dass du sie gewählt hättest.
Du darfst wählen. Auch falsch. Auch nochmal anders als letztes Mal.
Damit du es realistisch einordnest
Das hier war kein Wochenende und kein Kurs. Es hat Jahre gedauert, und ich bin nicht fertig damit.
Es gibt immer noch Tage, an denen ich einen Termin absage, weil mir die Strecke zu unsicher ist. Es gibt Tage, an denen der Film im Kopf lauter ist als sonst, und ich mich abends hinlege und denke, ich hätte gern einen anderen Körper. Das gehört dazu. Annehmen ist keine Ankunft, es ist eher etwas, das man immer wieder neu macht.
Nur ist der Abstand zwischen diesen Tagen inzwischen größer geworden.
Wie kann ich etwas annehmen, das sich nicht ändern lässt?
Ehrlich gesagt: nicht auf Knopfdruck, und nicht, weil jemand es dir sagt.
Bei mir ging es erst, als ich aufgehört habe, das Annehmen als nächste Aufgabe zu sehen. Solange ich es geschafft haben wollte, war es nur eine andere Form von Kampf.
Was sich verändert hat, war kleiner: Ich habe aufgehört, meinen Tag um das Vermeiden herum zu bauen. Nicht weil es mir nichts mehr ausmacht, sondern weil das Drumherumbauen mehr gekostet hat als die Sache selbst.
Das ist kein Rezept. Es ist nur das, was bei mir passiert ist, als ich müde genug war, um damit aufzuhören.
Wenn du das hier liest und nickst
Dann hast du vielleicht auch so eine Sache. Etwas, das nicht weggeht, egal wie viel du schon versucht hast. Und vielleicht kämpfst du gerade noch, und vielleicht bist du müde davon.
Du musst das nicht heute lassen. Du darfst nur einmal die Frage wechseln. Statt „Wie kriege ich das weg" einmal fragen: „Wie könnte ich damit leben, ohne mich dafür zu verurteilen."
Du bist nicht allein damit. Du bist nicht falsch. Und du bist ganz sicher nicht kaputt, nur weil dein Körper oder dein Kopf etwas tut, das du dir nicht ausgesucht hast.
Es darf weich werden. Auch in dir.
Deine Jennyfer
Einmal im Monat ein Brief
Wenn dir der Text gutgetan hat: Einmal im Monat schreibe ich auf, was mich gerade beschäftigt. Ruhig, ohne Programm, und du kannst jederzeit wieder gehen.
Hast du dich wiedererkannt?
Komm gern in den Gruppenraum. Kleine Runde, maximal drei Frauen. Alles feinfühlige Menschen, die nicken statt komisch zu gucken.
Zum GruppenraumMagst du lieber für dich allein sein? Im Einzelgespräch nehmen wir uns Zeit nur für dich. Ganz wie es sich richtig anfühlt.
Zum EinzelgesprächOder schreib mir.


