Immer ich. Und was passierte, als ich diesen Satz umgedreht habe
Das Gefühl, dass das Leben mit einem macht, was es will. Warum die Opferhaltung ein Schutz ist und Selbstverantwortung nichts mit Schuld zu tun hat.
Magst du erstmal rausfinden, ob du selbst hochsensibel bist? Zum kostenlosen HSP-Test
Mit KI erstelltKennst du diesen Satz?
Er kommt meistens leise und meistens abends. „Immer ich."
Der Chef verteilt die unangenehme Aufgabe, und du weißt schon, bei wem sie landet. Die Familie plant, und niemand hat dich gefragt. Der Termin platzt, das Auto geht kaputt, das Kind wird krank, und zwar genau in der Woche, in der du dir endlich etwas vorgenommen hattest.
Und irgendwann formt sich daraus ein Gefühl, das größer ist als der einzelne Vorfall. Das Gefühl, dass das Leben mit dir macht, was es will. Dass du reagierst und nie entscheidest.
Wenn du das kennst, bist du hier richtig, und ich möchte gleich vorweg etwas sagen: In diesem Text kommt kein „reiß dich zusammen" vor. Es gibt zum Thema Opferrolle sehr viele Texte, die genau so klingen, und ich halte das für den denkbar schlechtesten Einstieg.
Ich bin Jennyfer, Sensi-Begleiterin. Ich bin keine Therapeutin, und was hier steht, ist keine Wissenschaft, sondern das, was ich bei mir und bei anderen beobachte.
Falls dich das gerade berührt und du mit jemandem sprechen möchtest, der nicht sofort einen Ratschlag hat: im Gruppenraum oder im Einzelgespräch ist Platz dafür.
Die Opferhaltung ist kein Charakterfehler, sie ist ein Schutz
Das Wort Opferrolle ist unglücklich, weil es klingt, als hätte man sich das ausgesucht. Hat niemand.
Wer so fühlt, hat meistens gute Gründe. Menschen, denen tatsächlich viel widerfahren ist, entwickeln irgendwann eine Erwartung. Wenn dir oft genug etwas zugestoßen ist, ohne dass du es verhindern konntest, lernt dein System, dass Anstrengung nichts nützt. Wer das für Schwäche hält, hat den Weg dorthin nicht gesehen. Es ist eine sehr vernünftige Schlussfolgerung aus dem, was war.
Und die Haltung hat einen Nutzen, den man ehrlich benennen darf. Solange die Umstände schuld sind, muss man nichts riskieren. Man kann nicht scheitern an etwas, das man nicht versucht hat. Man muss keinen Streit führen, keine Grenze ziehen, sich nicht unbeliebt machen. Es ist unbequem, aber es ist sicher.
Deshalb hilft es nichts, jemandem zu sagen, er solle da mal rauskommen. Man kommt nicht aus einem Schutzraum heraus, solange man nicht weiß, wohin.
Warum passiert immer mir das?
Weil du es merkst.
Das ist keine flapsige Antwort, das meine ich genau so. Menschen, die viel wahrnehmen, registrieren auch die kleinen Ungerechtigkeiten. Den Blick, der zu dir geht, wenn wieder jemand die Küche aufräumen soll. Den Ton, in dem eine Bitte formuliert wird, die keine Bitte ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der man bei dir davon ausgeht, dass du einspringst.
Andere bekommen das schlicht nicht mit. Nicht, weil sie es besser hätten, sondern weil sie weniger registrieren.
Dazu kommt etwas Praktisches: Wer viel wahrnimmt, ist oft die Person, die einspringt. Du siehst früher, dass etwas nötig ist, und ehe jemand anderes reagiert, hast du es schon gemacht. Über Jahre entsteht daraus eine Rolle, die nie jemand ausgesprochen hat, und irgendwann rechnen alle damit.
Ob dieses stärkere Wahrnehmen bei dir eine Rolle spielt, kannst du in fünf Minuten anschauen: Zum kostenlosen HSP-Test. Und alles hier gilt auch ohne dieses Wort.
Selbstverantwortung ist nicht dasselbe wie Schuld
Das ist der Punkt, an dem die meisten Texte zu diesem Thema kippen, und wo ich am meisten aufpassen möchte.
Selbstverantwortung heißt nicht, dass du schuld bist. Du bist nicht schuld an der Kündigung, an der Krankheit, an dem, was dir angetan wurde. Wer dir das erzählt, verwechselt zwei völlig verschiedene Dinge.
Selbstverantwortung heißt nur: Es gibt einen Teil, der bei dir liegt. Nicht der Anlass, sondern die Antwort darauf. Nicht was passiert, sondern was du danach damit machst.
Und dieser Teil ist oft kleiner, als die Ratgeber behaupten, und größer, als es sich anfühlt.
Bei mir sah das lange so aus, dass ich Dinge übernommen habe, ohne gefragt zu werden, und mich hinterher darüber geärgert habe, dass ich gefragt wurde. Beides stimmte. Man hatte mich tatsächlich nicht gefragt. Und ich hatte tatsächlich auch nie etwas gesagt.
Der Satz, der bei mir etwas verändert hat, war nicht „du bist selbst schuld". Es war die Frage: Was davon liegt in meiner Reichweite?
Meistens ist es wenig. Aber es ist nie nichts.
Wenn du an dieser Stelle weitergehen möchtest
Trenn die zwei Listen. Schreib bei etwas, das dich gerade wütend macht, zwei Spalten auf. Links: was ich nicht ändern kann. Rechts: was in meiner Reichweite liegt. Die linke Spalte ist oft lang, und das darf sie sein. Es geht nur darum, dass die rechte nicht leer bleibt.
Sag einmal etwas, bevor du es machst. Nicht widersprechen, nicht diskutieren, nur einmal aussprechen: „Ich mache das, aber ich möchte, dass das nächste Mal jemand anderes dran ist." Das verändert erstaunlich viel, obwohl es nichts kostet.
Achte auf das Wort immer. „Immer ich", „nie werde ich gefragt", „ständig passiert mir das". Diese Wörter fühlen sich wahr an und sind es selten. Wenn du sie bei dir hörst, prüf einmal nach, ob es wirklich immer war. Oft ist es dreimal, und dreimal ist etwas, das man ansprechen kann. Immer ist nur etwas, das man erträgt.
Schau dir deine Muster von außen an. Es ist leichter, etwas zu verändern, das einen Namen hat. Mir hat dabei geholfen, mein Zahlenwerk einmal beschrieben zu sehen, gerade weil es von außen kam und nicht schon wieder aus meinem eigenen Kopf. Was mir der Personal Code gezeigt hat erzählt das ehrlich, mitsamt meiner Skepsis, und es gibt einen kostenlosen Einblick.
Und wenn du an diesen Stellen jemanden brauchst, der mit dir hinschaut, statt dir zu sagen, was du falsch machst: Ein Kennenlerngespräch ist kostenlos, im Gruppenraum sitzen andere mit ähnlichen Geschichten, und in der 1:1 Begleitung nehmen wir uns die Zeit dafür.
Der Teil, den ich nicht schönreden will
Manchmal ist es tatsächlich nicht deine Reichweite. Es gibt Situationen, in denen man wirklich ausgeliefert ist, und es gibt Menschen, die einem schaden, ohne dass man daran etwas ändern kann. Diesen Text bitte nicht so lesen, als wäre alles eine Frage der Haltung.
Und wenn dieses Gefühl bei dir sehr tief sitzt und schon sehr lange da ist, darfst du dir Unterstützung holen, die weiter geht als ein Blogbeitrag. Das ist kein Aufgeben, das ist genau die Art von Verantwortung, um die es hier geht.
Wenn du das hier liest und nickst
Dann bist du nicht wehleidig und nicht undankbar. Du hast viel abbekommen und dich darauf eingestellt, und das war klug.
Du darfst prüfen, ob die Umstände heute noch dieselben sind. Nicht weil du müsstest, sondern weil es sein könnte, dass mehr in deiner Reichweite liegt, als du gerade glaubst.
Es darf leichter werden. Auch für dich.
Deine Jennyfer
Wenn es dabei ums Neinsagen geht: Grenzen setzen, ohne dass der Tag danach gelaufen ist.
Einmal im Monat ein Brief
Wenn dir der Text gutgetan hat: Einmal im Monat schreibe ich auf, was mich gerade beschäftigt. Ruhig, ohne Programm, und du kannst jederzeit wieder gehen.
Hast du dich wiedererkannt?
Komm gern in den Gruppenraum. Kleine Runde, maximal drei Frauen. Alles feinfühlige Menschen, die nicken statt komisch zu gucken.
Zum GruppenraumMagst du lieber für dich allein sein? Im Einzelgespräch nehmen wir uns Zeit nur für dich. Ganz wie es sich richtig anfühlt.
Zum EinzelgesprächOder schreib mir.


